Nach längerer Abstinenz war sie endlich wieder einmal dabei: meine kleine FUJI X100F. Eigentlich absurd! Ich bin Fotograf und muss mich manchmal regelrecht dazu zwingen, auch dann eine Kamera mitzunehmen, wenn ich gerade nicht arbeite. Gestern hat es geklappt. Çanakkale, eine wunderbar lebendige kleine Stadt am Meer, meine X100F und eine Blende, mit der ich normalerweise eher selten unterwegs bin: f6.3.

Text & Bilder: Markus Mallaun

 


 

Fotografieren ist mein Beruf. Und genau das ist manchmal das Problem. Wenn man praktisch jeden Tag mit Kameras, Objektiven, Licht und Bildern zu tun hat, ist die Vorstellung, in der Freizeit auch noch eine Kamera mitzuschleppen, nicht immer wahnsinnig verlockend. Meine FUJI X100F hat deshalb in letzter Zeit deutlich mehr Zeit im Schrank verbracht, als ihr eigentlich zusteht. Dabei habe ich sie genau dafür gekauft: klein, leicht, unauffällig und perfekt, um einfach loszuziehen.

Gestern waren wir in Çanakkale unterwegs. Ein wunderschönes Städtchen an der Ägäis, voller kleiner Strassen, Menschen, Cafés, Fähren, Fischer, Läden und diesem wunderbar entspannten türkischen Gewusel. Also eigentlich genau der richtige Ort für meine kleine Fuji.

Diesmal habe ich mir eine technische Besonderheit vorgenommen: f6.3. Für mein neues Buch Erfolgreich mit Fotografie – Dein Weg zum bezahlten Bild habe ich die Fotografin Katrin Küllenberg interviewt. Sie ist mehrfach ausgezeichnet und bekannt für ihre Bilder, die mittendrin, statt nur dabei sind. Während unseres Gesprächs erzählte sie mir, dass f6.3 ihre bevorzugte Blende sei. Ich musste natürlich etwas schmunzeln, denn ich gehöre bekannterweise zur Fraktion Offenblende. Wenn das Objektiv f1.2 kann, dann gibt es schliesslich einen guten Grund, weshalb der Hersteller diese Zahl draufgeschrieben hat. Es gab tatsächlich auch schon Situationen, wo ich mich echt schwer getan habe, mit einer geschlosseneren Blende zu fotografieren, weil ich es so gewohnt bin mit der offenen Blende. Ich habe mir schwer vorgenommen, das zu ändern und künftig viel öfters die Iris zuzuschrauben.

Und genau deshalb wollte ich es ausprobieren. Also habe ich mir für meinen Spaziergang durch Çanakkale vorgenommen: Heute wird nicht dauernd aufgerissen. Heute wird f6.3 fotografiert. Und siehe da: Das machte erstaunlich viel Spass. Plötzlich musste ich mich viel weniger mit dem perfekten Fokuspunkt beschäftigen. Ich konnte schneller reagieren, spontaner fotografieren und mich stärker darauf konzentrieren, was vor meiner Kamera passiert. Gerade bei einer kleinen Reportage auf der Strasse ist das ziemlich befreiend.

Entstanden ist eine kleine Serie im Reportagestil, die mir ausgesprochen gut gefällt. Nicht, weil f6.3 irgendeine magische Blende wäre. Sondern weil mich diese kleine Einschränkung dazu gebracht hat, anders zu fotografieren. Schneller. Direkter. Weniger kontrolliert. Und vielleicht sogar ein bisschen näher an dem, was Street Photography für mich eigentlich sein sollte: sehen, reagieren, abdrücken.

Ich glaube, f6.3 und ich werden in Zukunft öfters miteinander ausgehen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein