Wenn man ein Loch in der Hose hat, dann schmeisst man diese nicht weg. Man bringt sie zum Schneider. So haben wir Muzaffer kennengelernt – der Schneider aus Sarköy, der mir zuverlässig und stichgenau meine Hosen geflickt hat. Eine kleine Homage an unseren Schneider und einen sehr wertvollen Beruf.  

Text & Bilder: Markus Mallaun
Interview: Serpil Mallaun


Früher, da hatte er fünf Angestellte und einen schönen Laden in Istanbul. Wer einen neuen Anzug brauchte, der kam zu ihm und liess sich den edlen Zwirn millimetergenau auf den Körper schneidern. Zu hunderten haben edle Hemden mit gesteiftem Kragen, unter seiner surrenden 1990er Saturn, das Licht der Fashion-Welt erblickt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Heute kauft man massenweise bei H&M, Zara & Co., und ruck-zuck wirds auch wieder weggeworfen.

Und genau deshalb ist die Zeit bei Muzaffer irgendwie stehen geblieben – konserviert zwischen alten Fadenspulen, verstaubten Bildern von Atatürk und schönen Erinnerungen an vergangene Tage. Es sind nicht mehr die schönen Anzüge und rauschenden Abendkleider, die mit einem stolzen Lächeln über seinen Ladentisch gehen. Die Zeit hat sich gewandelt und mit ihr auch auch seine Kundschaft.

Muzaffer in seiner kleinen, bescheidenen Schneiderei

Muzaffer ist 68 Jahre alt und denkt noch lange nicht an die Pension. Seit 30 Jahren betreibt er hier in einem alten Handwerkerviertel in Sarköy seine bescheiden Schneiderei. Gleich gegenüber von einer Teestube, die den besten Cay der Stadt serviert.

Seinen Beruf hat er damals in Istanbul erlernt. Klassische Ausbildung, mit viel Fleiss und Schweiss – alte Schule eben. Und später hat er sein Wissen dann auch weitergegeben. Hat Lehrlinge ausgebildet. Einer, erzählt er uns, habe danach eine Firma für Textilien gegründet, mit mehreren Angestellten. Als er Jahre später pleite ging, hatte er wenigstens noch den Beruf des Schneiders und konnte sich so über Wasser halten.

Hat schon alles gesehen und genäht, was Rang und Faden hat
Atatürk wacht über allem

Muzaffer ist der Schneiderei treu geblieben. Sein Beruf habe sich zwar stark verändert. Aber er habe eine schöne Lücke gefunden, die er mit seiner Handwerkskunst ausfüllen könne. Zwar habe er vorallem Flick-, Anpass- und Reparatur-Arbeiten, die bei ihm unter die Nadel kommen. Aber vorallem bedient er all jene, die mit ihrem Körperformat durch das Raster der grossen Fashion-Marken fallen.

30 Jahre Zeitgeschichte
Heute sind es vorallem Anpassungen, Reparaturen und Sonderwünsche für all jene, die durch den Raster der Fashion-Industrie fallen

Hier etwas länger, dort etwas breiter, der Saum etwas ausfallender und die Ärmel so angepasst, dass man wieder gut darin aussieht – das ist Muzaffers Welt. Und damit macht er seine Kundinnen und Kunden glücklich. Auch während der Covid-Pandemie – jetzt sogar um so mehr. Zwar hatte er während zwei Monaten geschlossen. Aber danach gings mit umso grösserer Nachfrage weiter. Viele hatten Zeit, ihren Kleiderschrank neu zu sortieren. Und anstatt wegzuschmeissen lässt man die wertvollen Teile eben bei ihm anpassen.

Seine Jupiter BR 500-3 ist ein Brasilianisches Arbeitspferd und genau so alt wie sein Laden
Seine kleine Schneiderei ist grösser als ein Kinderzimmer, steckt aber voller Erinnerungen

Drei Töchter habe er und glücklich verheiratet ist er, der Muzaffer. Seine Frau ist Hausfrau und stammt aus einem kleinen Dorf, von den umliegenden Hügeln, wenige Kilometer von Sarköy entfernt. Ein wenig bedauere er es schon, dass keine von seinen Töchtern in seine Fusstapfen treten wollte. Trotzdem ist er glücklich und schaut optimistisch in die Zukunft. Viel wichtiger sind für ihn seine vier Enkelkinder, meint er verschmitzt und der Glanz in seinen Augen wird für einen Moment stärker.

Sein Beruf hat sich zwar verändert – Muzaffer blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft und ist stolz auf seine 4 Enkelkinder
Nicht mehr ganz taufrisch und mit jeder Menge Patina
Früher hatte Muzaffer 5 Angestellte
Ein Relikt aus vergangenen Zeiten – das Schnittmuster für ein Herren-Jacket
Traditionelles Handwerk, das durch die klassische Fashion-Industrie stark gebeutelt wurde

„Ich höre erst auf, wenn ich nichts mehr sehe“, meint Muzaffer. Das wird wohl noch lange dauern und vielleicht wird sich die Fashion-Industrie in dieser Zeit erneut um 180 Grad verändern. Hoffen wir es. Dann wäre sie nämlich wieder dort, wo sie angefangen hat – in einer Zeit, wo jeder auf dieses tolle Handwerk angewiesen war, und wo man Kleider nicht als Wegwerfartikel oder Influencer-Dekoration betrachtete.

Seit 30 Jahren hat Muzaffer hier seine Schneiderei

 

 

 

 

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