Wer einen Stempel nutzt, muss nicht unbedingt Beamter sein, um damit glücklich zu werden. Im Gegenteil. Mitten im Herzen von Paris, unweit des Friedhofs Père Lachaise ist die kleine Stempel-Manufaktur von Vincent Sardon angesiedelt, die mit ihren kreativen Werken sämtliche Stempelkissen zum Austrocknen bringen und auch nicht Verbeamteten ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Text & Bilder: Markus Mallaun


Was ist ein Tampograph, dachte ich mir, als ich die Schaufensterbeschriftung „Le Tampographe Sardon“ sehe. Unzählige Stempel in allem möglichen Formen und Farben liegen dort in der Auslage. Aber nicht irgendwelche Stempel. Jeder einzelne ist ein Kunstwerk und stammt aus der kreativen Hand von Vincent Sardon – dem Gründer dieser kleinen Manufaktur. Wer den Mikro-Laden betritt, spürt sofort, dass dieses Universum eine Seele hat. Es ist nicht einfach nur ein Laden, der Stempel verkauft. Überall sind verspielte Details, ausgefallene Deko-Elemente und ausgewählte Zitate an den Wänden zu finden. Und überall Stempelfarbe, ohne Ende.

Schaufenster "Le Tampographe Sardon" © Mallaun Photography
Schaufenster „Le Tampographe Sardon“ © Mallaun Photography

„JACQUES CHIRAC KANN ICH dir MIT VERBUNDENEN AUGEN ZEICHNEN“

Vincent ist Grafiker und Illustrator. Jahrelang hat er bei der ehrwürdigen Tageszeitung „le monde“ als Illustrator gearbeitet und die einzelnen Beiträge der wohl meinungsbildensten Zeitung des Landes mit seinen Werken verschönert. „Langweilig! Tag ein, Tag aus. Jaques Chirac kann ich dir mit verbundenen Augen zeichnen.“ Zuerst im Verborgenen, hat er seine Spezialität der Illustrationen weiterentwickelt. Fern ab von Kommerz, sehr konzeptionell, tiefgründig mit einem feinen Gespür für Exklusivität und Einzigartigkeit.

Niemand sollte ihm bei seiner Arbeit reinquatschen. Mehrere Jahre lang hat er bereits seine Stempel im Untergrund produziert. Aber nie für die Öffentlichkeit. Nur für Freunde und Connaisseurs des feinen, grafischen Geschmacks, anfänglich alles noch von Hand graviert. Irgendwann dann hat er sich im Pariser Nuttenviertel Pigalle eine kleine zehn Quadratmeter grosse Garage gemietet, dort seine Technik verfeinert und die ersten Einzelstücke für Kunden produziert.

"Ich lass mich gerne von billiger Pornografie inspirieren aus den Fünfzigern inspirieren"
„Ich lass mich gerne von billiger Pornografie inspirieren aus den Fünfzigern inspirieren“

Mittlerweile ist er umgezogen. Vor vier Jahren hat er hier an der Rue du Repos in Paris den kleinen Laden eröffnet, nun sind sie zu viert. Unter der Woche wird produziert und die Bestellungen aus dem Online-Shop werden abgewickelt; Der Laden hat nur am Freitag und seit neustem auch ab und zu am Samstag geöffnet. Olga, der Atelier-Hund ist immer mit dabei und beobachtet vom Bürosessel aus das Geschehen im Laden – begrüsst und bewacht die Kunden abwechslungsweise.

Your choice! © Mallaun Photography
Your choice! © Mallaun Photography

„Ich lass mich gerne durch billigen Porno der Fünfziger inspirieren“

Die Nähe zum verruchten Rotlicht-Distrikt Pigalle lässt sich auch in seinen Werken nicht abstreiten. „Ich lass mich gerne durch billigen Porno der Fünfziger inspirieren“. Die versexten Motive ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Sammelsurium an Stempeln. Aber nie billig. Die Werke sind immer hoch kreativ und pendeln zwischen witzig, beschämend und überraschend. Und mögen sie noch so vulgär sein; Sie sind doch so salon-fähig, dass sie sogar die NZZ in ihrem Feuilleton abdrucken könnten. „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, sagte einst Albert Einstein.

Mein erstes Atelier befand sich im Pariser Viertel Pigalle © Mallaun Photography
Mein erstes Atelier befand sich im Pariser Viertel Pigalle © Mallaun Photography

Anatomie, Körperteile, edukative Bilder aus alten Büchern, kitschiger Porno und alles was sonst die Pop-Kultur beeinflusst, sind in seinen Sujets wiederzufinden. Dabei dominieren die Farben Rot und Blau und dazwischen auch Schwarz. Oder gleich alle drei Farben zusammen, mit unterschiedlichen Layern, sodass durch die Mischung der einzelnen Farb-Ebenen wieder ein Gesamtkunstwerk hervorbringt.

"Die sind im Normalfall ganz schwarz" © Mallaun Photography
„Die sind im Normalfall ganz schwarz“ © Mallaun Photography

Als ich den Laden zum ersten mal betreten habe, war ich sofort begeistert vom gesamten Paket. Man würde am liebsten jedes einzelne Sujet studieren, jeden einzelnen Text-Stempel lesen und alles gleich mal anstempeln. Alles, was der 49jährige Vincent anfasst, hinterlässt unweigerlich seinen Fingerabdruck. Dies sei noch harmlos, meint er, als ich ihn frage, ob ich seine schwarz-blau verschmierten Hände fotografieren dürfe. Irgendwie passt das zu ihm. Man spürt die Leidenschaft dabei. Auch wenn er zum Beispiel die gekauften Stempel für seine Kunden verpackt. In braunen Packpapiertüten verschwinden die einzelnen Produkte. Jedes einzelne Säckchen erfährt eine individuelle Bestempelung, wird einzigartig verschönert und seine flinken Hände wechseln zwischen rotem, blauen, schwarzem Stempelkissen und Tüte hin und her.

Vincent Sardon - Le Tampographe © Mallaun Photography
Vincent Sardon – Le Tampographe © Mallaun Photography

Als ich im Laden bin und mit Vincent spreche, fährt eine Gruppe Hard-Core Bikers vorbei, hält an und einer nach dem anderen betritt Vincents Kreativ-Höhle. Die Jungs – alle schwer tättowiert, mit ihren Club-Klamotten, langen Bärten, Ketten, Stiefeln und Capes, kaufen alle ihren persönlichen Stempel. Sie kommen aus ganz Frankreich und haben sich zu einer Ausfahrt hier in Paris getroffen. Eddie du Valle kommt aus Amiens und Alexander Boudin ist mit seinem Bike aus der Bretagne angereist. Keine Motorräder übrigens. Ihre Höllenmaschinen sind getunte, langgezogene Fahrräder mit Fuchsschwänzen und werden durch die pure Muskelkraft ihrer Füsse angetrieben. Eine sureale Szene, passt aber wie die Faust aufs Auge. Und Vincent kann fast nicht mehr aufhören mit Tüten stempeln, Hände schütteln, Komplimente annehmen und Kunden bedienen.

Der Kunde Eddie du Valle von Waid'n Bike © Mallaun Photography
Der Kunde Eddie du Valle von Waid’n Bike © Mallaun Photography
Eddie du Valle und Alexandre von den Bike-Clubs Waid'n Bike und Blackbeard. © Mallaun Photography
Eddie du Valle und Alexandre von den Bike-Clubs Waid’n Bike und Blackbeard. © Mallaun Photography

Die Bikers und die vielen spontan vorbei Laufenden sind übrigens nicht seine einzigen Kunden. Längst hat er seine Aktivitäten auch ins Web verlegt und verkauft seine Ware in die ganze Welt über seinen Webshop. Und er scheint auch längst nicht mehr der kleine Geheimtipp aus dem Underground mehr zu sein. Seine Follower-Zahlen auf Instagram und Facebook haben zusammen bereits die Hunderttausendermarke überschritten.

Und trotzdem bleiben seine Sujets irgendwie exklusiv kreativ und haben so wirklich gar nichts mit den „witzigen“ Stempeln zu tun, wie man sie oft in geschmacklosen Geschenkläden findet. Alle tragen sie Vincents Handschrift und man erkennt den anspruchsvollen Künstler darin. Wenn man ihn so beobachtet und mit ihm spricht, hat man fast schon den Eindruck, dass er eigentlich selbst etwas überrascht ist von seinem Erfolg oder davon, dass seine Arbeit massentauglich geworden ist. Aber das Gute daran: Er produziert weiterhin nur Sujets, die seine Philosophie widerspiegeln, seine ganz persönliche Handschrift tragen und absolut unkopierbar sind, so lustig sich das für einen Stempel anhören mag. Ganz so, wie es gross auf einem Schild hinter der Tresen zu lesen ist: „I DON’T GIVE A FUCK“

Text & Bilder: Markus Mallaun

Le Tampgraphe Sardon
Vincent Sardon
4 Rue du Repos, 75020 Paris
Web: https://letampographe.bigcartel.com/
Instagram: https://www.instagram.com/le.tampographe.sardon/
Facebook: https://www.facebook.com/letampographesardon/

Jeder Stempel und das grosse Ganze - ein eigenes Kunstwerk © Mallaun Photography
Jeder Stempel und das grosse Ganze – ein eigenes Kunstwerk © Mallaun Photography
Olga - die Atelier-Hündin, bewacht den Laden © Mallaun Photography
Olga – die Atelier-Hündin, bewacht den Laden © Mallaun Photography
Schaufenster "Le Tampographe Sardon" © Mallaun Photography
Schaufenster „Le Tampographe Sardon“ © Mallaun Photography
Jeder gekaufte Stempel wird von Vincent individuell verpackt © Mallaun Photography
Jeder gekaufte Stempel wird von Vincent individuell verpackt © Mallaun Photography
Das grosse "ouvrage de référence" der Stempel von Vincent Sardon © Mallaun Photography
Das grosse „ouvrage de référence“ der Stempel von Vincent Sardon © Mallaun Photography
Starkes Duo: Vincent Sardon mit Eva Aebischer
Starkes Duo: Vincent Sardon mit Eva Aebischer
Danke für die persönliche Stempel-Erinnerung in meinem Notizbuch © Mallaun Photography
Danke für die persönliche Stempel-Erinnerung in meinem Notizbuch © Mallaun Photography

 

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